R.Hot bzw. die Hitze
Wie dieses Leben aussehen soll? So genau weiß er das selbst noch nicht, nur eins ist klar: Hauptsache raus aus den ausgetretenen Fußstapfen, in die ihn sein Vater führen will: berufliche Karriere, gutbürgerliche Ehe (mit jovial tolerierten Seitensprüngen), in der Mitte der gehobenen Gesellschaft ankommen und sich festsetzen. »Aber heißt das GELEBT?« speit Robert Hot angewidert heraus. Um dieser Lebenslaufmaschinerie zu entgehen, ist er von »Eng-Land« nach Italien abgehauen, dient dort als Wachsoldat und entbrennt vor Leidenschaft für Prinzessin Armida. Für sie ist er bereit, als Deserteur zu sterben oder lebenslänglich im Gefängnis zu schmachten.
Ziemlich nah fühlten sich dem jungen Hitzkopf zwei nur wenig ältere Männer, die eines Vormittags im Juni 1971 in der Kantine des Berliner Deutschen Theaters saßen: der Komponist Friedrich Goldmann, 30 Jahre alt und gerade dabei, sich in der DDR langsam als freischaffender Komponist und ehemaliger Meisterschüler von Rudolf Wagner-Régeny einen Namen zu machen, und Thomas Körner, damals 29-jährig, beruflich von Krankenpfleger bis Richterassistent tätig, vor allem aber Dichter mit Leidenschaft.
Im Drama »Der Engländer« (1775/76) von Jakob Michael Reinhold Lenz, finden sie die Vorlage. Der Autor des „Hofmeisters“ und der „Soldaten“ steht für ein kompromissloses Streben nach purem Leben, nach Aufbruch, Selbstbestimmung und Freiheit, nach unverfälschtem Ausdruck und persönlicher wie künstlerischer Unabhängigkeit. Seine Leidenschaft und Sensibilität stürzten den Dichter in Wahnsinn und ins Elend in den Straßen Moskaus, wo er verarmt und vereinsamt starb. Im Lenz'schen Sinne schreiben Goldmann/Körner keine Oper, sondern fragmentarische Szenen, welche den Widersprüchen und Gedankensprüngen des Protagonisten folgen.
Musikalische Leitung: Max Renne
Bühnenbild und Kostüme: Okarina Peter und Timo Dentler
Dramaturgie: Anne Gerber
Robert Hot: Martin Koch
Lord Hot: Peter Lobert
Lord Hamilton: Tom Martinsen
Prinzessin von Carignan / Buhlerin: Menna Cazel
Major / Beichtvater: Michael Kranebitter
Peter / Soldat: Allen Boxer
Giuseppe-Sinopoli-Akademie der Staatskapelle Dresden
Premiere: 11.12.2015
Vielleicht sind wir ja die Verrückten
Regisseur Manfred Weiß über Lenz, Hot und andere faszinierende Außenseiter
Die Vorlage zu »R. Hot bzw. Die Hitze« stammt von dem wohl bedeutendsten Dichter des Sturm und Drang: Jakob Michael Reinhold Lenz. Was ist für Sie das Faszinierende an ihm und seinem Werk?
Lenz hat auf geradezu naive Weise so gelebt, wie er es für richtig hielt, er konnte sich nie verstellen, wodurch er selbst seine Freunde verprellt hat. Doch diese Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, ebenso wie das Kompromisslose, Fiebrige faszinieren mich. Das findet sich noch bei Kleist, Büchner und Hölderlin - existentielle Konsequenz.
Das Fiebrige, Kompromisslose ist auch dem jungen Hot eigen. Wie erleben Sie ihn in der Oper?
Lenz hat einmal gesagt, er wolle nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern hunderte. In Körners Libretto spiegelt sich diese Idee in dem Prinzip der Posen wider: Jede Pose ist eine Erzählung für sich, so erscheinen die Charaktere in unterschiedlichen, auch widersprüchlichen Facetten. Deswegen wirkt Hots Verhalten auf uns so irrational und erhitzt. Es ist eine Figur, bei der es immer ausschlägt, es zündet hier und da – das macht sie so lebendig und so spannend.
Typisch für den Sturm und Drang thematisiert »Hot« das Aufbegehren der jungen Generation gegen die ältere – per se auch für ein jugendliches Publikum ein geeignetes Stück?
Unbedingt! Jeder Jugendliche wird irgendwann vor der Frage stehen: Inwieweit begebe ich mich in Vorhandenes hinein, verstelle und passe ich mich an, und inwieweit kann ich meinen eigenen Weg verfolgen? Es geht also nicht nur um den Widerstand, sondern auch darum, einen eigenen Lebensentwurf, eine eigene Perspektive für die persönliche Zukunft zu entwickeln. Hot findet diesen Weg mithilfe der Prinzessin, die ihn bestätigt und stärkt – nach Kleists Devise: Mein wahres Ich erkenne ich nur im Gegenüber.
Goldmann und Körner verwandeln Hots Selbstmord bei Lenz in ein utopisches Happy End. Welche Überlebenschancen haben Menschen wie Hot in unserer Gesellschaft?
Wir neigen dazu, jeden, der nicht reinpasst, als Verrückten, Außenseiter oder Aussteiger abzustempeln. Aber vielleicht sind wir ja die Verrückten? Ich beneide Menschen, die konsequent so leben, wie sie leben wollen. So wie Hot. Er ist wie ein Kind, das in die Welt wandert, aber nicht sagt: »So wie die Anderen muss ich jetzt auch werden.« Sondern die Konsequenz zieht: »Ich muss so bleiben, wie ich bin.« Heute ist das, was man von jungen Menschen verlang Flexibilität,
was nichts anderes bedeutet als: stell dich für alles zur Verfügung, auch wenn du selbst auf der Strecke bleibst.
Was macht die Komposition von Friedrich Goldmann für Sie einzigartig?
Zunächst finde ich es wichtig, die Oper eines Komponisten aus der DDR wieder ins Bewusstsein zu rufen, mit dem man sich seit der Wende kaum mehr beschäftigt hat. Und mich beeindruckt die Art, wie Goldmann aus den über 100 Posen musikalische Miniaturen schafft, in denen jeweils ein kleiner Kosmos entsteht, der in der nächsten Pose eventuell schon wieder gebrochen wird. Kaum ein zweites Werk ist so kleinteilig und als Ganzes doch so komplett wie dieses.
Das Gespräch führte die Dramaturgin Anne Gerber